Kompetenzförderung

Waldorfkindergärten verstehen sich von Beginn an nicht als bloße Bewahreinrichtungen, sondern sie wollen die Start- und Entwicklungsbedingungen des einzelnen Kindes verbessern und ihm eine frohe, lernintensive und glückliche Kindheitszeit ermöglichen.
 
In den Waldorfkindergärten
gelten insbesondere sieben
Kompetenzbereiche als
Lern- und Entwicklungsziele

 

1. Körper- und Bewegungskompetenz

Wissenschaftler und Lehrer haben bei mehr als der Hälfte der Erstklässler Haltungsschäden, Übergewicht oder Gleichgewichtsstörungen festgestellt. Viele Kinder leiden unter Bewegungsmangel, ihre Grob- und Feinmotorik ist unzureichend entwickelt.

Im Waldorfkindergarten wird deshalb besonders darauf geachtet, dass die Kinder sich vielseitig bewegen: Regelmäßige Spaziergänge sowie Spielen und Arbeiten im Garten gehören ebenso in dieses Spektrum wie Reigen- oder Fingerspiele und Handarbeiten (etwa Nähen oder Sticken).

Methodische Hinweise: Körperwahrnehmung, Körpergefühl und die Grob- und Feinmotorik entwickeln sich z. B. beim Laufen, Klettern und Seilhüpfen, beim Reigen, bei Spiel und Arbeit im Garten oder in der Küche, beim Spielen einfacher Musikinstrumente, bei Arbeiten an der Werkbank.

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2. Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz

Virtuelle Welten breiten sich aus, sie gaukeln uns Qualitäten vor, die real so nicht vorhanden sind. Um nicht auf diese Trugbilder hereinzufallen, brauchen Kinder eine erhöhte Wahrnehmungskompetenz und ein waches Bewusstsein für das, was um sie herum und mit ihnen selbst geschieht.

Im Waldorfkindergarten sollen die Kinder deshalb die reale Welt mit ihren Sinnen entdecken und erforschen können und dabei einfache, wahrnehmbare Zusammenhänge kennen und verstehen lernen. Auf diese Weise, gepaart mit der eigenen Entdeckerfreude, erfahren sie allmählich auch elementare Naturgesetze. Computer oder Fernseher bereits im Kindergarten fördern deshalb keineswegs die später erforderliche Medienkompetenz.

Methodische Hinweise: Pflege der menschlichen Sinne, zum Beispiel Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Geruchssinn, Geschmackssinn, Gehörsinn und Sehsinn. Auch gesund und naturnah produzierte Lebensmittel, die Echtheit der verwendeten Materialien, die nicht auf Sinnestäuschung ausgelegt sind (sieht so aus wie Holz, ist aber Plastik), fördern diese Entwicklung ebenso wie harmonisch gestaltete Räume.

3. Sprachkompetenz

Denken und Sprechen sind eng miteinander verbunden. Nur mit der Sprache können wir das Gedachte ausdrücken, unsere Gefühle zum Ausdruck bringen und miteinander ins Gespräch kommen. Doch dieses Instrument bedarf der frühen, aktiven und sorgfältigen Pflege.

Im Waldorfkindergarten haben Lieder, Geschichten, Verse, Fingerspiele und Reime einen großen Stellenwert. So lernen die Kinder spielend die Sprache und beheimaten sich in ihr. Die Sprechweise der Erzieherinnen sollte dabei liebevoll, klar, deutlich und bildhaft sein - und der Altersstufe angemessen.

Methodische Hinweise: Gute sprachliche Vorbilder, deutliche, wortreiche und bildhafte Sprache, Lieder, Verse, Fingerspiele, Reime, fach- und sachgerechtes Benennen der Gegenstände, tägliches Erzählen oder Vorlesen von sinnvollen Geschichten, Märchen u. Ä., Kinder aussprechen lassen, nicht sprachlich korrigieren, Zeit zum Zuhören nehmen.

 

Neue Stühle im Waldorfkindergarten werden von den Kindern selbst geschliffen und von Eltern geölt.
Ankunft neue Stühle, Kleinkindgruppe Spatzennest, Waldorfkindergarten
4. Phantasie- und Kreativitätskompetenz

Der Widerspruch ist allgegenwärtig: Um uns herum ist immer mehr genormt, vorgefertigt und festgelegt. Auf der anderen Seite sind menschliche und gesellschaftliche Entwicklung ohne Phantasie und schöpferische Kreativität kaum denkbar.

Im Waldorfkindergarten nimmt die Entwicklung und Pflege der kindlichen Phantasiekräfte ganz konkrete Gestalt an. Hier gibt es noch nicht genormte und kaum fertig ausgestaltete Spielsachen, welche die schöpferischen Kräfte der Kinder anregen. Erzählte Geschichten animieren die Kinder, das Gehörte in spielende Kreativität umzusetzen und zu verwandeln. Tägliche Spielzeiten geben die erforderliche Zeit, damit die Kinder ausgiebig tätig werden können.

Methodische Hinweise: Spielzeug und Spielmaterialien, die phantasieanregend, d.h. freilassend gestaltet sind, wie Steine, Bretter, Hölzer, Tücher, regelmäßige Spielzeiten im Wald oder Garten, vielseitige Spiel- und Gestaltungssituationen, z.B. Rollenspiele, Puppenspiele; angeleitete Freispiele.

 

5. Sozialkompetenz

Soziales Miteinander will gelernt sein. Kinder sind von Geburt an soziale Wesen und wollen sich lernend in menschliche Beziehungsverhältnisse einleben. Diese Lernprozesse beginnen in der Familie und setzen sich im Kindergarten fort. Doch soziale Übungsfelder werden durch Ein-Kind-Familien, geschiedene Eltern und erhöhten Medienkonsum immer begrenzter. Der Kindergarten muss daher mehr denn je Grundlagen für soziale Erfahrungsfelder schaffen.

Im Waldorfkindergarten lernen die Kinder einen Struktur gebenden Tages- und Wochenrhythmus kennen, erfahren, dass es Regeln gibt bis hin zu klaren Aufgaben für die einzelnen Kinder und die Gruppe (etwa Aufräumen oder Tischdecken).

Methodische Hinweise: Gegenseitiges Helfen und das Übernehmen von Aufgaben wie Spülen oder Blumengießen, Hören von sinnvollen Geschichten; Rollenspiele wie Vater-Mutter-Kind, Feuerwehr, Krankenhaus, Kaufladen; Geben, Nehmen und Teilenlernen; Üben von Konfliktlösungen, z.B. Sich-entschuldigen-Lernen.

Ankunft neue Stühle, Kleinkindgruppe Spatzennest, Waldorfkindergarten
Neue Stühle im Waldorfkindergarten werden von den Kindern selbst geschliffen und von Eltern geölt.
6. Motivations- und Konzentrationskompetenz

Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene leiden heute unter Konzentrationsmangel, Nervosität, Hyperaktivität. In Wissenschaft und Pädagogik werden seit langem die hierfür  verursachenden Faktoren untersucht (Pathogenese) und die gesundenden und stabilisierenden Bedingungen erforscht (Salutogenese).

Die Waldorfpädagogik sieht ihre Aufgabe darin, beide Konzepte miteinander zu verbinden: Eindrücke, die sich als schädlich für die Entwicklung des kleinen Kindes herausgestellt haben, versucht sie von ihm fernzuhalten (z. B. Fernsehen im frühen Alter), demgegenüber richtet sie den Schwerpunkt auf die gesundenden Faktoren. Beispielsweise schaut sie bereits im frühen Kindesalter auf das Lern- und Betätigungsbedürfnis der Kinder und versucht es über Vorbild und Nachahmung anzuregen. Regelmäßige Wiederholungen und rhythmisierende Gestaltungselemente im Kindergarten vom Tagesablauf bis hin zum Jahreslauf mit vielen Höhepunkten und Jahresfesten helfen, die Konzentrationsfähigkeit der Kinder zu entwickeln.

Methodische Hinweise: Selbst gestaltete Spiele, Spielzeug, das zur Eigenaktivität anregt und vielfältige Möglichkeiten bietet, Arbeiten ganzheitlich von Anfang bis Ende kennen lernen und selber ausprobieren (Backen, Waschen, Gartenarbeit).

 

7. Ethisch-moralische Wertekompetenz

Kinder wie Erwachsene brauchen zur eigenen Lebensgestaltung seelisch-geistige Orientierungen, Wertvorstellungen und Aufgaben, mit denen sie sich innerlich verbinden können. Kinder brauchen Regeln, Rituale, Klarheit und Wahrhaftigkeit.

Die Waldorfpädagogik geht darauf ein, dass Kinder ein Koordinatensystem für das Gute, Schöne und Wahre brauchen, ebenso wie die Achtung vor anderen Menschen, anderen Kulturen und der Schöpfung. Kinder sollen auch lernen, dass damit persönliches Engagement verbunden ist.

Methodische Hinweise: Orientierung gebende Geschichten, Feste vorbereiten und Feiern, liebevoller Umgang mit der Natur, Vermeiden von „Wischi-Waschi-Pädagogik“, praktizierte Nächstenliebe, Dankbarkeit (Tischspruch vor dem Essen) und Hilfsbereitschaft, Erleben des Engagements der Eltern.

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