21 FRAGEN ZUR WALDORFPÄDAGOGIK

Was gelehrt und erzogen werden soll,
das soll nur aus der Erkenntnis des werdenden Menschen
und seiner individuellen Anlage entnommen werden.

Rudolf Steiner (1861-1925, Begründer der Waldorfschulbewegung)

» Welche Kinder werden an einer Waldorfschule aufgenommen?

Waldorfschulen stehen grundsätzlich allen Kindern offen – unabhängig von Religion, Hautfarbe, Geschlecht und Einkommen der Eltern. Nach ausführlichen Informationselternabenden findet für jedes Kind ein Aufnahmegespräch an der Schule statt. Auch in höhere Klassen können Schüler als Quereinsteiger aufgenommen werden.

» Worin unterscheiden sich Waldorfschulen überhaupt von anderen Schulen?

Waldorfschulen wollen gleichermaßen intellektuelle, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten bei den Kindern und Jugendlichen entwickeln. Vom ersten Schuljahr an lernen Waldorfschülerinnen und Waldorfschüler zwei Fremdsprachen. Jungen und Mädchen stricken, nähen und schneidern gemeinsam in der Handarbeit und sägen, hämmern und feilen zusammen im Werkunterricht. In jeder achten und zwölften Klasse studieren sie ein anspruchsvolles Theaterstück ein und setzen sich in einer großen Jahresarbeit mit einem Thema ihrer Wahl in Theorie und Praxis auseinander. Die Fächer Garetenbau und Eurythmie sind feste Bestandteile des Lehrplans.

» Wer war Rudolf Steiner und was hat er mit der Waldorfpädagogik zu tun?
Rudolf Steiner gründete 1919 die erste Waldorfschule in Stuttgart. Die Idee dazu ging von Emil Molt aus, dem fortschrittlich gesinnten und sozial engagierten Besitzer der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik. Molt wollte eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter einrichten. Die Waldorfpädagogik beruht auf Rudolf Steiners Erkenntnissen über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Forschungen wirkten auch über die Pädagogik hinaus und fanden Eingang in die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Medizin und die Kunst.

» Muss ein Kind musisch begabt sein, damit es für die Waldorfschule geeignet ist?
Die Waldorfschule ist eine Schule für alle Begabungsrichtungen. Wenn Waldorfschüler malen, zeichnen, plastizieren oder bildhauerisch tätig sind, geht es dabei nicht so sehr um das Ergebnis, als vielmehr um den Prozess. Dabei lernen und üben die Kinder und Jugendlichen zahlreiche Fähigkeiten über das rein künstlerische Gestalten hinaus. Waldorflehrer wollen den Verstand, die Kreativität und die Persönlichkeit ihrer Schüler gleichgewichtig entwickeln.

» Sind Waldorfschulen auch für Kinder mit Lernschwierigkeiten geeignet?
Für Kinder, die gravierende Teilleistungsschwächen oder große soziale Schwierigkeiten haben, gibt es besondere Waldorfschulen: die heilpädagogischen Förderschulen. Einige Waldorfschulen haben auch durchlässige Förderzüge. Dabei steht immer das einzelne Kind mit seinen Anlagen und Bedürfnissen im Mittelpunkt.

»Wie groß sind die Klassen in Waldorfschulen?
Das ist von Schule zu Schule verschieden. Eine Klasse kann bis zu 38 Schülern stark sein. Allerdings werden die Klassen in vielen Fächern in zwei oder drei Gruppen geteilt. Kinder, die sich in einem Fach leichter tun, helfen denen, die es schwerer haben. Schüler, die ganz besonders schnell lernen, bekommen schwierigere Zusatzaufgaben. In einer großen Klasse entsteht durch die Vielzahl der unterschiedlichen Persönlichkeiten, Temperamente und Eigenschaften der Kinder über zwölf Jahre eine soziale Gemeinschaft, in der die jungen Heranwachsenden viele voneinander lernen.

»Wie ist das mit den Noten in der Waldorfschule?
Auch wenn Waldorfschulen in der Unter- und Mittelstufe auf Noten verzichten, korrigieren die Lehrer selbstverständlich alle Schülerarbeiten. Doch statt einer bloßen Note formulieren sie individuelle Beurteilungen. In den Zeugnissen gehen die Lehrer ausführlich auf die Persönlichkeitsentwicklungen und die Lernfortschritte ihrer Schüler ein. Auch bleibt niemand sitzen: Die Waldorfpädagogik richtet sich nach den Entwicklungsphasen der Kinder und der Jugendlichen; deshalb ist nicht nur der Wissenstand, sondern die Gesamtentwicklung entscheidend. Von der ersten bis zur zwölften Klasse bleiben die Schüler nach Möglichkeit in einer festen Klassengemeinschaft, auch wenn ihre Leistungen vorübergehend nachlassen.

» Was, wenn nicht Noten, motiviert die Kinder zum Lernen?
Der Waldorfschulunterricht ist auf die jeweilige Entwicklungsphase der Schüler abgestimmt und sehr lebensnah gestaltet. Deshalb entwickeln sie die Initiative zu lernen nicht aufgrund von Leistungsdruck, sondern aus einer eigenen Neugierde und der Freude am Entdecken.

» Was kostete die Waldorfschule?
Es ist ein Prinzip der Waldorfschule, kein Kind aus finanziellen Gründen abzulehnen. Weil aber die öffentlichen Zuschüsse geringer sind als für staatliche Schulen, sind Waldorfschulen auf Elternbeiträge angewiesen.

» Wie gut bereitet die Waldorfpädagogik Kinder auf die Arbeitswelt vor?
Waldorfschulen legen nicht nur Wert auf intellektuelle Fähigkeiten, sondern auf andere Schlüsselqualitäten wie Teamfähigkeit, Kreativität und die Fähigkeit, prozessual zu denken. Die Praxis zeigt, dass gerade Waldorfschüler wegen dieser Fähigkeiten von Ausbildern besonders geschätzt werden.

» Welche Abschlüsse können an einer Waldorfschule gemacht werden?
Grundsätzlich bis zum Abitur, wobei in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Bestimmungen gelten. So gibt es zum Beispiel an den Waldorfschulen des Saarlandes und des Landes Rheinland-Pfalz den Hauptschulabschluss nach der 10. Klasse, den Realschulabschluss nach der 12. und die allgemeine Hochschulreife – das staatliche Abitur - nach der 13. Klasse. Die eigentliche Waldorfschulzeit endet nach der 12. Klasse mit dem Waldorfschulabschluss. Danach können sich Schüler in einem 13. Schuljahr an der Waldorfschule auf das Abitur vorbereiten.

» Die Waldorfschulen nennen sich „freie Schulen“. Werden die Kinder dort antiautoritär erzogen?
Nein. Es gilt das Prinzip der „liebevollen Autorität“. Kinder suchen ihre Grenzen; und nur wenn sie ihre Grenzen von den Erwachsenen erfahren, fühlen sie sich sicher und erleben sich als eigene Persönlichkeit. Waldorflehrerinnen und -lehrer bauen deshalb in der Unterstufe ein von liebevoller Autorität geprägtes Verhältnis zu ihren Schülern auf. Im Laufe der Schulzeit ändert sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis mit der Entwicklung der Heranwachsenden.

» Warum haben die Kinder in den ersten acht Schuljahren ein und denselben Klassenlehrer?
In einer Gemeinschaft, die von Beständigkeit und Rhythmus geprägt ist, können Kinder sich gesund entfalten. Um ihnen darin eine verlässliche Stütze zu sein, begleitet ein Waldorf-Klassenlehrer seine Klasse nach Möglichkeit acht Jahre lang durch den Hauptunterricht, der die ersten beiden Stunden eines Schulvormittags in Form von Epochenunterricht umfasst. Dabei lernt er seine Schüler sehr gut kennen und kann individuell auf ihre Schwächen und Stärken eingehen.

» Wie kann ein Klassenlehrer in allen Fächern qualifizierten Unterricht erteilen?
Für Klassenlehrer gibt es eine eigene Ausbildung – im Vollzeitstudium oder auch berufsbegleitend. Sie unterrichten jeweils die ersten beiden Stunden des Vormittags – den Hauptunterrricht –, danach übernehmen Fachlehrer den Unterricht in Fremdsprachen, Sport, Eurythmie, Musik, Religion und in den handwerklichen Fächern. In der Unter- und Mittelstufe geht es an der Waldorfschule nicht um die Fülle reinen Fachwissens. Vielmehr liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Schüler eine lebendige Beziehung herstellen zu dem, was sie lernen, was sie sind und was sie an der Welt erleben. Auf diese Weise kann Lernen Freude machen – ein Leben lang.

»Was ist Epochenunterricht?
Der Hauptunterricht konzentriert sich für einige Wochen jeweils auf ein einzelnes Fach. In dieser Epoche haben die Schüler zum Beispiel drei Wochen lang jeden Tag zwei Stunden Geschichte, dann wieder drei Wochen lang zwei Stunden Mathematik. Sie können sich auf diese Weise intensiv in ein Stoffgebiet eintauchen. Grundfertigkeiten wie etwa Rechnen oder Schreiben festigen die Schüler über den Epochenunterricht hinaus in fortlaufenden Übstunden.

»Worin unterscheiden sich Waldorfschulen von anderen Schulen?
Der Unterricht an einer Waldorfschule ist nicht einseitig auf Wissensvermittlung ausgerichtet. Waldorfschulen wollen verstandesmäßige, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten bei den Kindern und Jugendlichen gleichmäßig entwickeln. Vom ersten Schuljahr an lernen Waldorfschüler zwei Fremdsprachen. Jungen und Mädchen stricken, nähen und schneidern gemeinsam in der Handarbeit und sägen, hämmern und feilen gemeinsam im Werkunterricht.

»Wie werden die Jugendlichen in der Oberstufe auf die Berufswelt vorbereitet?
Während der ganzen Oberstufe werden die Schüler in allen Fächern von Fachlehrern unterrichtet. Der Fachunterricht wird durch Praktika ergänzt: In einem Landwirtschafts- und einem Forstpraktikum, einem Feldmess-, einem Betriebs- und einem Sozialpraktikum erhalten die Schüler eine lebensnahe Ausbildungsgrundlage. Dabei sollen die Schüler nicht in erster Linie einen Beruf finden, sondern soziale und persönliche Fähigkeiten üben.

» Praktika, Theaterprojekte, handwerkliches Arbeiten: Wie wirken sich diese vielen Aufgaben auf die Abschlussvorbereitung aus?
Diese Aktivitäten bedeuten zusammen mit dem Lernpensum in manchen Schuljahren eine Doppelbelastung für die Schüler. Hier müssen immer wieder individuelle Lösungen gefunden werden. Tatsächlich liegen die Waldorfschulen aber – was die Abschlüsse angeht – gleichauf mit den staatlichen Regelschulen, meist liegen sie sogar über dem Durchschnitt.

» Welche Rolle spielen die Naturwissenschaften an der Waldorfschule?
An der Waldorfschule stehen die naturwissenschaftlichen Fächer gleichgewichtig neben allen anderen Unterrichtsfächern. Auch das Fach Informatik ist fester Bestandteil, wobei die Pädagogen Wert darauf legen, dass sich die Kinder, bevor sie die virtuelle Welt kennen lernen, mit der natürlichen Welt vertraut machen und ihre sozialen und schöpferischen Fähigkeiten an ihr entwickeln. In der Oberstufe ist der Umgang mit Computern für jeden Waldorfschüler selbstverständlich.

» Welche Rolle spielen Religion und Weltanschauung im Unterricht der Waldorfschule?
Die Waldorfschule ist konfessionell nicht gebunden. Zunächst entscheiden die Eltern, welchen Religionsunterricht ihr Kind besucht, später entscheiden die Jugendlichen selbst. Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sind zu keinem Zeitpunkt Gegenstand des Unterrichts.

» Was genau ist Eurythmie?
Eurythmie ist eine moderne Bewegungskunst, die Sprache und Musik in Bewegungen umsetzt. Im Unterschied zu gymnastischen, pantomimischen oder tänzerischen Bewegungen, die völlig frei gestaltet werden können, gibt es in der Eurythmie für jeden Buchstaben und jeden Ton eine ganz bestimmte Gebärde. In der Lauteurythmie stellen die Schüler zum Beispiel dar, was in einem Gedicht an Lauten, und in der Toneurythmie, was in den Tonintervallen einer musikalischen Komposition lebt.